RadioLab 2016 von AUDIONPLUS

Ich stehe vor der Einfahrt des Hotels La Villa am Starnberger See. Vor mir biegt ein NRJ München Fahrzeug ein. Ich kann hier also nicht ganz falsch sein. Immerhin soll es heute beim RadioLab 2016 um uns Radioproduzenten gehen.

Michael Braunschmid von AUDIONPLUS lud zum gemeinsamen Seminartag nach Starnberg. Aufgrund der hohen Ressonanz „upgradete“ er die Location von den AUDIONPLUS Studios in das Hotel La Villa.

Den NRJ Kollegen kurz vorbeigelassen, laufe ich die steil aufwärts führende Einfahrt nach oben. Es ist ein genialer Tag. Die Sonne scheint und oben angekommen wird mir direkt bewusst was Braunschmid mit „Upgrade“ meinte. Eine wunderschöne Location. Die ersten Producer und Radiomenschen stehen vorm Eingang zum Seminarraum. Mit einem Lächeln werde ich empfangen und mir mein Namensschild und das dazugehörige Armbändchen überreicht.

RadioLab 2016 - AudionPlus

Es ist kurz nach Neun. In einer Stunde soll es losgehen und so bleibt noch etwas Zeit um sich kurz allen vorzustellen und die ersten Gespräche anzuzetteln. Bei einer gemeinsamen Runde über das atemberaubende Gelände (hier sollen vermehrt Hochzeiten gefeiert werden – das kann ich verstehen) ist auch der NRJ München Producer Matthias Cieply sowie die Jungs von SMM und AUDIONPLUS mit dabei.

Butterbrezeln, Espresso oder ein Glas Prosecco stehen bereit und nach einer Tasse schwarzen Goldes geht es dann auch los.

Als erstes geht es um das Thema „EBU R128“. Ein Standard zur Aussteuerung von Audiomaterial. Anders als bei R68 wird hierbei der Energiegehalt und die Lautheit einer Produktion betrachtet. Dadurch verbessert sich die Dynamik und wir Producer können wieder viel kreativer und vorallem mit den Ohren mischen und nicht nur mit Blick auf’s Peaklevel, so Braunschmid.

Markus Stang, Leiter „Sound Design“ bei Bayern 3 (seit Januar 2016) geht den R128-Weg nun schon eine Weile und zeigt uns wie er es im Alltag umsetzt. Spezielle Erweiterungen des Sendesystems sorgen dafür, dass bestehende Musiktitel und Produktionen analysiert und angepasst werden können. Weiterhin hat Stang auch bei der Produktion des neuen Jinglepaketes diesen Weg verfolgt. Bei der Arbeit gab es einen regen Erfahrungsaustausch in Bezug auf R128 und Stang sorgte dafür, dass die neuen Cuts seinen Ansprüchen gerecht werden. Entstanden ist ein modern klingendes HOT AC Package mit viel Dynamik und Offenheit, ohne dabei an Lautheit verloren zu haben.

Generell zieht sich das Thema „Dynamik“ durch den Tag. Im Programmpunkt „Leiser ist lauter“ geht Michael Braunschmid auf die Bedeutung von Hintergrundmusik ein. Wie sie noch als „Tafelmusik“ die Gespräche unterlegte und bis heute an Relevanz gewonnen hat. Hintergrundmusik dient als Einrichtungsgegenstand und erschafft Räume. In Bahnhöfen läuft Klassik, zuhause dudelt das Radio beim Essen mit Freunden und in Kaufhäusern schafft Musik den Effekt der Maskierung und dadurch einer Art Privatheit die zum Kaufen anregt.

Und auch bei „Weniger ist mehr“ unterstreicht Braunschmid seine Philosophie der Redundanz. Durch die Demonstration eniger Jingleproduktionen von AUDIONPLUS (B5 Aktuell) macht er deutlich, dass Musik Raum braucht um zu wirken. Er plädiert für mehr Entspanntheit und Pausen, die der Musik Platz  z u m  A t m e n  lassen und dem Hörer ein Klangerlebnis schaffen mit immer neuen Details zum entdecken.

AudionPlus Logo

Trotz der Botschaft „Weniger ist mehr“ plädiert er für eine starke Penetrierung von Jingles im Programm. Und schon sind wir beim nächsten Thema, nämlich „manchmal ist mehr auch mal mehr“, sagt Braunschmid mit einem Lächeln im Gesicht. Am Beispiel der Beatles und ABBA macht er deutlich welche Möglichkeiten sich schon damals durch die technischen Entwicklungen ergeben haben. Produktionen wurden auf einmal fetter und das durch den Zuwachs von „Spuren“. Also der Möglichkeit mehrerer Sounds, Stimmen und Instrumente übereinander zu legen. Heutzutage lassen sich durch die Kombination von synthetischen und realen Instrumenten organische und trotzdem kraftvolle Sounds erzeugen. Er erklärt es am Beispiel einer Streichersektion. Grund für das Funktionieren dieses Effekts ist unser Gehör. „Das Ohr registriert Grundtöne schon allein durch Obertöne“, erläutert Braunschmid. Mit der Reduktion von Grundtönen kann man somit auch mehr Platz für andere Sounds und Instrumente schaffen.

S6 Avid

Die Demonstration der Vorteile von Pro Tools Elastic Audio und der Nutzung von Grouptracks rundete den Seminarpart ab. Darauf folgte eine Einführung in den DAW Hardware-Controller AVID S6. Die S6 soll zur Verbesserung und Beschleunigung des Workflows erheblich beitragen. Für Musik- und Jingleproduktionen mag das stimmen. Für die tägliche Arbeit des Radioproduzenten sehe ich das aber anders.

Hotel La Villa

Nach einer Mittagspause mit einem sehr guten Barbecue beginnt dann auch die Gesprächsrunde.

Moderiert wird diese durch Sascha Seelemann, Morningshowmoderator von Bayern 3. Keynote Sprecher an diesem Tag ist Wolfgang Aigner (Erfinder von b5 aktuell). Diskussionsgäste sind Roswitha Voigtländer (Deutschlandradio Kultur), Raimund Bacher (B5 aktuell), Werner G. Lengenfelder (Musikredakteur MDR Thüringen), Alexander Schaffer (Bayern 2) und Stephan Schwenk (Geschäfstführer The Radio Group GmbH).

Nachdem die „Alten Hasen“, wie Seeleman sie freundschaftlich nennt, einen kurzen historischen Ausflug über ihre Erfahrungen der ersten Digitalisierung machen, geht es dann immer mehr um die Zukunft. Wie schaffen es Radiosender dem Druck durch das Internet und all seine Facetten Herr zu werden? Wird Radio überleben? Ja wird es, ist sich die Gruppe einig. Auch wenn es verschiedene Meinungen darüber gibt welchen Aufwand man betreiben und welchen Stellenwert ma Facebook, Spotify oder Youtube geben sollte.

Seeleman berichtet von seinen Facebook Live Erfahrungen während der Show. „Die Leute wollen die Schlüssellochperspektive, etwas sehen und hören was sich hinter den Kulissen abspielt.“ Eine 1zu1 Abbildung der Morningshow ist für ihn nicht sinnvoll.

RadioLab2016 - Audionplus

Das Publikum erfährt einiges über die Herangehensweisen und Entwicklungen in den Funkhäusern der Diskussionsgäste:

  • intelligente Apps (umso öfter du hörst umso besser wird das Programm)
  • Qualiät der Beiträge (Übertragungswege ändern sich, inhaltliche und technische Qualität bleibt bestehen)
  • Podcast, Streams, und Spotify Playlists (Ja! Aber wenn dann Nische. Bsp.: Playlist „Heimatsendung“)

Auch das Publikum klinkt sich in die Diskussion mit ein. Der stärkste Streitpunkt dabei ist „die Vermarktung“. Ist es für Webetreibende besser Werbung vor einen Youtubekanal eines bekannten Youtubers zu setzen, oder Werbung im Radio zu schalten. Die Möglichkeiten der Zielgruppenerfassung liegen auf der Hand. Online lässt sich genau ermitteln wen ich erreiche. Wie alt ist diese Person, welche Hobbys hat sie und welche Produkte vielleicht schon gekauft, und und und.

Im Radio bleiben solche Details eher schwammig und auch wie viele Personen ich am Ende wirklich erreiche ist aufgrund der MA Befragung auch nicht mit Sicherheit nachweisbar.

Zum Schluss „einigt“ man sich, dass jedes Medium seine Berechtigung und Vorzüge hat und das Platzieren der Werbung zielgruppenorientiert ablaufen muss.

Starnberger See

Eine überaus gelungene erste Veranstaltung mit Potential für ein RadioLab 2017. Ich wäre wieder dabei Herr Braunschmid!